Mittwoch 22. November 2017
Salvatorianer in Österreich und Rumänien
  • Das ist das ewige Leben:
    Dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast.

WARE-MENSCH: Interview mit Sophie Otiende

Menschenhandel: Ein stilles Problem unserer Zeit

 

40,5 Millionen Menschen sind Opfer von moderner Sklaverei, von Menschenhandel: Diese Zahlen veröffentlichte die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) und die Internationale Organisation für Migration (IOM) für das Jahr 2016. Die 32-jährige Sophie Otiende aus Kenia wurde im Alter von 13 Jahren selbst Opfer von Menschenhandel. Heute kämpft sie mit der internationalen Organisation HAART gegen jede moderne Sklaverei. Sophie Otiende war zu Gast bei den Päpstlichen Missionswerken in Österreich (Missio). WARE-MENSCH sprach mit ihr.

 

Moderne Sklaverei wird mehr und mehr Thema unserer Zeit. Warum ist Menschenhandel von so großer Bedeutung – gerade in Kenia?

 

Sophie Otiende: Man kann nicht vom Menschenhandel reden, ohne ihn aus einer globalen Perspektive zu betrachten. Aber wenn Sie mich nach Menschenhandel im kenianischen Kontext fragen, ist es so, dass die Ausbeutung von Kindern, vor allem als Arbeitskräfte, inzwischen weit verbreitet ist. Das ist entschieden abzulehnen. Denn überall auf der Welt gibt es eine Nachfrage nach billigen Arbeitskräften, und diese sind in Entwicklungsländern wie Kenia leichter zu finden, weil wir hier schutzlose Kinder haben, die bereit sind, im Grunde alles zu machen, bloß um etwas zu essen zu bekommen. Es ist daher sehr einfach, diese Straftat zu begehen. Zweitens gestaltet sich die Strafverfolgung schwierig, weil so viele Personen beteiligt sind, und umso schwieriger wenn diese Familienmitglieder sind. In diesem Fall wollen die Opfer ihre Verwandten nicht belangen.

 

Missio/Langmann

 

Welche Rolle spielen die Politik und die Regierung im Kampf gegen den Menschenhandel in Kenia?

 

Die Frage der Schutzlosigkeit ist ein wesentlicher Aspekt: Wodurch werden Personen der Gefahr des Menschenhandels ausgesetzt? Hier wird schnell die Rolle der Regierung klar: Sie hat die Aufgabe, für Schutz zu sorgen. Wenn beispielsweise Kinder Zugang zu Bildung haben, sind sie nicht schutzlos. Wenn es für Frauen einen sozialen Schutz gibt, sind diese nicht schutzlos. Es gibt also vieles, was der Staat tun könnte, um diese Personen besser zu schützen, aber er tut es nicht. Deswegen steigt die Zahl der Schutzlosen immer mehr. Beispiel Migration: Es ist auch die Aufgabe des Staates, für eine kontrollierte und sichere Migration zu sorgen. Wenn aber, wie derzeit, die Migration in den Nahen Osten, wo die höchste Zahl von Kenianern ausgebeutet wird, nicht kontrolliert wird und die Regierung keine Fragen stellt, stehen immer mehr Menschen ohne Schutz dar. Kehren diese Opfer dann zurück, fehlt es an Strukturen, um sie zu empfangen und so zu betreuen, dass sie sich erholt in die Gesellschaft wieder eingliedern können. Der Staat ist also einer der wichtigsten Akteure im Kampf gegen den Menschenhandel, aber es passiert sehr wenig.

 

Welche Rolle spielt dabei die kenianische Kirche?

 

Die Kirche spielt eine enorm wichtige Rolle. Versagt der Staat, verlassen sich die Menschen darauf, dass die Kirche einige seiner Aufgaben übernimmt. Zum Beispiel, kehren Opfer des Menschenhandels wieder nach Hause zurück, oder ist etwas in der Gemeinschaft vorgefallen, ist die Kirche immer eine der ersten Anlaufstellen, die um Hilfe gebeten werden. Hat die Kirche aber nicht die nötigen Ressourcen, um sich der Sache anzunehmen, wird es für den/die Betroffene/n sehr schwierig. Darüber hinaus sollte die Kirche die Kompetenz besitzen, mit der Bevölkerung zu reden und ihr aktuelle Vorkommnisse zu erklären. In der Vergangenheit haben wir allerdings beobachtet, wie die Kirche sowohl bei dem Schutz als auch beim Anwerben von Opfern eine Rolle spielte. Wir führten eine Untersuchung durch und stellten fest, dass für das Anwerben von Arbeitskräften in erster Line  Arbeitsvermittlungsstellen, aber an zweiter Stelle Priester und religiöse Führer verantwortlich waren, und zwar deswegen, weil das Wohlstandsevangelium derzeit einen so hohen Stellenwert in Afrika genießt und als Komponente des eigentlichen Evangeliums betrachtet wird: Es wird behauptet, es sei das Evangelium Christi. Man geht davon aus, dass Gott einem einen Arbeitsplatz verschaffen wird, sich um die Kinder kümmern wird und vieles mehr. Sobald der Priester mit seiner Predigt fertig ist, steht draußen ein Vermittler, der sagt: "Ich habe einen Platz für dein Kind an einer Schule!" Das Kind wird dem Vermittler anvertraut und in weiterer Folge ausgebeutet. Es hat Fälle gegeben, wo Kirchenmänner oder Priester armen Familien eine Schulbildung für deren Kinder oder Arbeitsplätze versprochen haben und die Kinder anschließend nur ausgebeutet wurden. Große Teile der Kirche spielen also eine zentrale Rolle; auch die Kirche wird von diesen Vermittlern missbraucht.

 

Wie können NGOs helfen?

 

Die bisherige Unterstützung durch Missio ist ein neuer Ansatz, der der Basis in Kenia hilft. Organisationen wie Missio haben wohl größeren Einfluss als etwa eine Basisorganisation und können diesen Einfluss einsetzen, um ihre Stimme gegen diesen Missstand zu erheben und Basisorganisationen mit Personen in Verbindung zu bringen, die eine Veränderung herbeiführen könnten. Missio kann beispielsweise eine Persönlichkeit wie den kenianischen Kardinal Njue treffen. Für mich oder für eine andere Mitarbeiterin von HAART wäre das nicht möglich. Und wenn Sie Kardinal Njue treffen, haben Sie durch ihn Zugang fast zur gesamten katholischen Kirche Kenias. Welche Botschaft haben Sie in dem Fall für die katholische Kirche Kenias? Wenn Missio die Problematik versteht, wird sie diese Botschaft überbringen können, aber ich oder ein Mitglied einer kleinen NGO wird nie die Gelegenheit haben, ihn zu treffen.

 

Sie wurden mit 13 Jahren Opfer von Menschenhandel. Wie kam es dazu?

 

Ich sage immer, dass meine Geschichte nicht einzigartig ist, weil viele Menschen, auch viele, die wir derzeit betreuen, Ähnliches erlebt haben. Mein Vater wurde arbeitslos und konnte mich nicht in die Schule schicken. Er wollte aber, dass ich zur Schule gehe. Er hatte etwas Geld, also bat er meinen Onkel, mich in die Schule zu schicken, die in der Nähe seines Hauses stand. Er gab meinem Onkel das Geld, aber dieser nahm mich einfach mit nach Hause und zwang mich, bei ihm zu arbeiten. Er ließ mich nie zur Schule gehen. Ein ganzes Jahr lang durfte ich das Haus nicht verlassen. Ich wurde körperlich und sexuell missbraucht, was mir sehr zusetzte. Ich hatte einfach Glück, dass meine Eltern an dieser Ausbeutung nicht beteiligt waren. Als ich wieder nach Hause kam, setzten sie alles daran, dass ich die Schule wieder besuchen konnte. Aber nur wenige Kinder haben ein solches Glück. Ihre Eltern sind Mittäter und das bedeutet, dass sie nach ihrer Rückkehr niemanden haben, der sich um sie kümmert und dafür sorgt, dass sie wieder in die Schule gehen und später eine Zukunft haben.

 

Warum sind Sie jetzt für HAART tätig und warum bekämpfen Sie den Menschenhandel?

 

Zu Beginn wusste ich nicht, dass das, was ich durchmachen musste, Menschenhandel war. So ist es mit dem Menschenhandel: Die meisten Opfer wissen nicht einmal, was ihnen passiert ist. Sie haben etwas durchgemacht, wofür sie keine Bezeichnung wussten. Durch HAART erfuhr ich den Namen des Verbrechens, das mir angetan wurde. Meine Hingabe rührt daher, dass ich durch dieses Unwissen jahrelang von Albträumen, von Depressionen, von Selbstmordgedanken und von so viel Leid geplagt wurde, das alles seinen Ursprung in meinen Erlebnissen hatte. Ich will nicht, dass das anderen Kindern widerfährt. Wenn ich irgend etwas machen kann, um es aus der Welt zu schaffen, wenn ich etwas tun kann, um einem Kind zu einem guten Schlaf zu verhelfen, dann will ich meinen Beitrag leisten, weil ich weiß, welche grauenvollen Spuren ein solcher Missbrauch hinterlässt.

 

In Bezug auf Ihre tägliche Arbeit, wie kann man diese moderne Sklaverei am wirksamsten bekämpfen?

 

Wie bei anderen Problemen spielen auch hier so viele Faktoren mit. Ich wünschte, ich hätte eine einfache Antwort! Ich denke aber, dass der erste Schritt wäre, dass alle sich dem Kampf anschließen: der Staat, NGOs, die Kirche, weil wir alle eine eigene Rolle haben. Wenn die Kirche da ist, um die richtigen Werte zu vermitteln und bei Bedarf Fürsorge zu leisten, dann werden die Menschen andere nicht ausbeuten wollen, weil sie ein Verständnis der richtigen Werte haben, und es ist auch jemand da, wenn Hilfe gebraucht wird. Wenn der Staat da ist, um für sozialen Schutz zu sorgen und zu gewährleisten, dass alle seine Bürgerinnen und Bürger alles haben, was sie brauchen und um sie vor Kriminalität zu schützen; wenn NGOs Opfern helfen und sie betreuen, wenn sie in der Gemeinschaft Bewusstseinsbildung betreiben; wenn die Medien das Thema in den Mittelpunkt rücken und darüber berichten: wenn das alles geschieht, dann wird das Problem kleiner. Kurz: ich glaube, dass alle, wirklich alle, mitmachen und die eigenen Fähigkeiten einbringen müssen. Nur dadurch kann dieser Missstand ein Ende haben.

 

In Österreich ist es oft sehr schwierig, weil viele, die Menschenhandel betreiben, nicht identifiziert werden können und daher  die Verfolgung schwierig ist. Ist die Situation in Kenia ähnlich?

 

Durchaus, das ist wohl ein globales Phänomen und deswegen ist der Menschenhandel leicht, weil es äußerst schwierig ist, die Täter und die Betroffenen zu identifizieren. Es könnte jemand direkt vor Ihnen sitzen, der ein Opfer ist, und Sie würden es nicht erkennen können. Das ist ein Charakteristikum des Menschenhandels: Es ist äußerst schwierig, die Betroffenen und die Täter zu identifizieren. Aktuelle Studien zeigen, dass der Menschenhandel das zweiterträglichste Geschäft nach dem Waffenhandel ist. Es gibt einen Dokumentarfilm, in welchem Menschenhändler sogar interviewt werden, und sie sagen Folgendes: Wenn ich Drogen oder Waffen verkaufe, kann ich sie nur einmal verkaufen. Ich kann sie nur dieser oder jener Person verkaufen und das Geld dafür einstecken und das war's. Aber einen Menschen kann ich dreißig, vierzig Mal verkaufen, und jedes Mal um den gleichen Preis. Das sollte uns zu denken geben. Blicken wir auf die Geschichte und den Ursprung vieler unserer schönsten Städte, des Großteils unserer Technologie, unserer Handys, unserer Kleidung: Wir müssten unseren Lebensstil sehr kritisch betrachten, wenn wir von der Sklaverei loskommen wollen. Das Meiste von dem, was wir als wertvoll empfinden, hat seinen Ursprung in der Ausbeutung: Es hat jemand dafür geblutet oder ist gestorben.

 

In Österreich sind es vorwiegend Frauen, die Opfer von Menschenhandel sind. Glauben Sie, dass dies auch auf Kenia und auf die ganze Welt zutrifft?

 

Ja, ich glaube, dass Frauen generell mehr Gefahren ausgesetzt sind. Allerdings sehen wir jetzt in wichtigen Studien, dass wir diese Sichtweise eventuell etwas überdenken müssen, denn bedingt durch die Kultur wissen Männer nicht, wie man um Hilfe ruft. Während es schwierig ist, Opfer von Menschenhandel zu identifizieren, ist es leichter, weibliche Opfer zu identifizieren als männliche, weil Männern kein Mitleid zuteil wird. Tritt ein Mann hervor und gibt sich als Opfer zu erkennen, wie viele Menschen wären bereit, ihm zu helfen? Die Situation ist bei einer Frau oder einem Kind ganz anders. Es gibt also auch diesen kulturellen Aspekt, den wir nicht außer Acht lassen dürfen. Natürlich sind Frauen öfter benachteiligt; durch soziale Strukturen und die Männerdominanz sind Frauen mehr Gefahren ausgesetzt, aber es gibt zahlreiche Männer, die Opfer von Menschenhandel sind und die wir als solche nie erkennen, weil wir Männer nicht als Opfer, sondern als Täter sehen. Auch das ist eine Ansicht, die einer Änderung bedarf.

 

Was sind ihre Pläne für die Zukunft, wo braucht es Ihren Einsatz am meisten?

 

Derzeit will ich nur, dass unsere Organisation wächst und ihre Arbeit fortsetzt. Ich freue mich, dass wir durch Missio jetzt endlich ein Heim für Kinder haben, das wird viel verändern. Ich würde liebend gern auch ein Heim für Frauen haben, der Bedarf wäre durchaus vorhanden. Und ich hoffe einfach, dass immer mehr Menschen über dieses Thema reden. Das wäre mein innigster Wunsch, dass ein Bewusstsein geschaffen wird. Früher stand HIV/Aids im Brennpunkt, plötzlich hielt die Welt inne und sagte: „Wisst ihr was? Wir müssen uns mit diesem Problem auseinandersetzen, wir müssen darüber reden und wir müssen Lösungen finden.“ Meine Hoffnung ist, dass die Welt eines Tages wieder innehalten und sagen wird: „Wisst ihr was? Wir müssen über den Menschenhandel reden, wir müssen Lösungen finden, weil der Menschenhandel ein globales Problem ist und wir keine Lösungen in Stille finden können: Wir müssen zusammenarbeiten.“

 

WARE-MENSCH

Die Plattform WARE-MENSCH ist eine Initiative der Salvatorianischen Familie in Österreich. Die Salvatorianische Familie ist der Zusammenschluss der Patres und Brüder Salvatorianer, der Schwestern Salvatorianerinnen und der LaiensalvatorianerInnen.

 

Der Schwerpunkt der Plattform WARE-MENSCH liegt in der Bewusstseinsbildung und Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Menschenhandel mit all seinen Facetten und der Vernetzung verschiedener Organisationen und Einrichtungen, die schon auf dem Gebiet tätig sind.

 

WARE-MENSCH Filmabend: "Ich gehöre ihm"
Mittwoch, 18. Oktober 2017
20.00 Uhr
QuoVadis

Stephansplatz 6

 

Am Tag gegen Menschenhandel zeigt WARE-MENSCH den Film »Ich gehöre ihm«. Er zeigt, „wie skrupellose Loverboys junge Mädchen zu ihren Sklavinnen machen. Er erzählt eine Geschichte, die sich nicht für Dramatisierungen eignet – weil sie dramatisch wahr ist.“(FAZ)

 

Anschließend Diskussion Mit Sr. Anna Mayrhofer FMM (SOLWODI Österreich) und Lukas Korosec (ware-mensch.at)  

 

„Ich will nicht sündigen“


 

 

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